Ich sitze an meinem Rechner, das Licht des Monitors brennt in den Augen, und ich scrolle durch eine Welt, die eigentlich meine ist. Oder es zumindest einmal war. Wald, Moos, das Knistern eines Feuers, die stille Euphorie, wenn man mit nichts als einem Messer und einer Plane die Nacht übersteht.
Doch was mir der Algorithmus heute in die Timeline spült, riecht nicht nach Harz und Freiheit. Es riecht nach Mief. Nach einem sehr alten, sehr hässlichen Mief, der sich in Tarnfarben kleidet und mit Vorliebe „Heimat“ sagt, wenn er eigentlich Ausgrenzung meint.
Es ist ein seltsames Phänomen: Wer heute nach Bushcraft, Survival oder Outdoor sucht, landet in einem digitalen Unterholz, das zunehmend von rechten Ranken überwuchert wird. Da sind sie wieder, die Männer mit den stählernen Blicken und den noch stählerneren Ansichten.
In den Kommentaren wird nicht nur über den besten Schleifwinkel für Carbonstahl diskutiert, sondern ganz beiläufig über den „Untergang des Abendlandes“, über „wehrhafte Männlichkeit“ und darüber, dass man im Wald ja noch „unter sich“ sei.D
Das grüne Gewand der braunen Ideologie
Eigentlich ist es ein Paradoxon. In die Natur zu gehen, Fähigkeiten zu erlangen, autark zu sein – das ist im Kern ein zutiefst emanzipatorischer, ja fast schon anarchistischer Akt. Es geht um die Rückbesinnung auf das Wesentliche, um den Schutz der Lebensgrundlagen.
Doch die extreme Rechte hat die Natur schon lange als ihr Territorium markiert. Von den „völkischen Siedlern“, die in abgelegenen Winkeln Deutschlands und Österreichs ihre Parallelgesellschaften aufbauen, bis hin zu den Prepper-Gruppen, die nicht auf eine Naturkatastrophe warten, sondern auf den „Tag X“ – den Umsturz.
Die Natur wird hier nicht als Ort der Freiheit begriffen, sondern als Kulisse für einen Sozialdarwinismus, der sich gewaschen hat. „Survival of the fittest“ wird nicht biologisch verstanden, sondern ideologisch.
Der Wald wird zum Exerzierplatz für eine Männlichkeit, die sich in der modernen, diversen Welt nicht mehr zurechtfindet. Es ist die Flucht in eine vermeintliche Ordnung, in der die Hierarchien noch „natürlich“ sind: Der Starke führt, der Schwache weicht, und die Frau – nun ja, die darf am Lagerfeuer dekorativ den Löffel schwingen, während sie von der „Rückkehr zu den Wurzeln“ träumt.
Toxische Männlichkeit und die schweigenden Influencer
Besonders perfide wird es auf Instagram und YouTube. Unzählige Accounts mit Namen, die alle nach dem gleichen Baukastenprinzip funktionieren – Outdoor-Irgendwas, Bushcraft-Sowieso, Survival-XY – machen aus ihrer Gesinnung kaum noch einen Hehl.
Da werden AfD-Slogans in die Story gepostet, da wird gegen „woke“ Politik gewettert, und wer es wagt, in den Kommentaren nach Zivilcourage zu fragen, wird als „Systemling“ oder „Verräter“ abgekanzelt.
Was mich dabei am meisten fassungslos macht, ist die ohrenbetäubende Stille der großen Player. Jene Accounts mit sechsstelligen Followerzahlen, die von der Sehnsucht der Menschen nach Natur profitieren, halten sich vornehm zurück.
Man wolle „unpolitisch“ bleiben, heißt es dann oft. Doch wer sich nicht gegen Hass und Hetze positioniert, wenn sie im eigenen Vorgarten – oder eben im eigenen digitalen Wald – stattfindet, der macht sich mitschuldig. Schweigen ist in diesem Kontext kein Neutralitätsakt, sondern eine Duldung.
Die Angst vor dem „Anderen“ im Unterholz
Woher kommt diese Rechtslastigkeit? Vielleicht ist es die Sehnsucht nach einer Welt, die man kontrollieren kann. Im Wald gibt es keine komplexen sozialen Debatten, keine Gendersprache, keine Globalisierung. Da gibt es nur mich, mein Feuer und meine Axt.
Diese Reduktion auf das Archaische bietet einen idealen Nährboden für reaktionäre Ideologien. Fremdenhass gedeiht dort besonders gut, wo man sich einbildet, ein Anrecht auf den Boden zu haben, nur weil man dort geboren wurde. „Blut und Boden“ ist keine historische Randnotiz, es ist das Fundament, auf dem viele dieser Outdoor-Phantasien errichtet werden.
Es ist eine Szene, die sich zunehmend abschottet. Man trainiert für den Ernstfall, man hortet Vorräte, man bewaffnet sich – legal oder illegal. Und man wartet. Worauf eigentlich? Auf eine Welt, in der man endlich wieder „echter Mann“ sein darf, ohne dass jemand widerspricht? Auf eine Gesellschaft, die so weit zusammengebrochen ist, dass nur noch das Recht des Stärkeren gilt?
Ein Plädoyer für einen bunten Wald
Wir müssen uns den Wald zurückholen. Und zwar nicht als Territorium, sondern als Raum für alle. Outdoor-Aktivitäten dürfen kein Deckmantel für völkischen Nationalismus sein. Wir müssen laut werden, wenn in den Kommentarspalten die braune Suppe hochkocht. Wir müssen von den Influencern Haltung einfordern.
Es ist an der Zeit, dass wir uns fragen: In welcher Welt wollen wir eigentlich überleben? In einer, die auf Hass und Ausgrenzung basiert? Oder in einer, in der die Natur uns lehrt, dass Vielfalt keine Bedrohung ist, sondern die Voraussetzung für alles Leben.
Bushcraft sollte uns lehren, wie man Feuer macht – nicht, wie man es in den Köpfen der Menschen entfacht. Der Wald gehört uns allen. Und er ist definitiv zu schade, um ihn den Ewiggestrigen zu überlassen.
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