Wie ein zugeklapptes Buch am Strassenrand mich mitten in die wichtigste Nacht des lettischen Jahres trug
Fünfundsiebzig Kilometer lagen an diesem Tag schon in meinen Beinen, als ich den See erreichte. Ich hatte mir das Bild bereits ausgemalt: Zelt im Gras, Mozzarella neben mir im Schlafsack, das Wasser als einziges Geräusch. Stattdessen empfingen mich Schilder. Betreten verboten, an jedem zweiten Baum, in einer Konsequenz, die fast schon liebevoll wirkte. Im Restaurant am Ufer fragte ich trotzdem, ob ich irgendwo mein Zelt aufstellen dürfe. Zwanzig Euro, sagte man mir. Zwanzig Euro für ein Stück Wiese, das ohnehin niemand sonst wollte. Ich bin gerade nicht in der Position, zwanzig Euro für die Nacht auf hartem Boden auszugeben, und so trat ich, einigermassen verstimmt, wieder auf mein Rad.
Keine fünfzig Meter weiter sass eine Frau unter einem Baum und las. Ein Spielplatz daneben, zwei Mädchen, die sich gegenseitig überredeten, höher zu schaukeln als die andere. Ich nahm meinen Mut zusammen, was nach fünfundsiebzig Kilometern leichter geht als sonst, weil die Erschöpfung jede Eitelkeit auffrisst. „Hey, kannst du mir vielleicht helfen? Ich bin ziemlich müde und suche einen Schlafplatz." Sie schaute kurz hoch, klappte das Buch zu, und ohne eine einzige Rückfrage zu meiner Herkunft, meinem Plan oder meiner Vertrauenswürdigkeit zog sie ihr Telefon heraus. Ein langes Gespräch auf Lettisch, dessen Melodie ich nicht verstand, aber deren Tonfall keinen Zweifel liess: Hier wurde etwas organisiert, nicht erbeten. „Du kannst bei meinem Cousin übernachten", sagte sie schliesslich auf Englisch, das so sorgfältig gewählt war wie ein Geschenk. Im Garten, auf dem Rasen, aber sicher. Und dann, fast nebenbei, als wäre es die normalste Frage der Welt: „Morgen ist Jāņi. Willst du nicht kommen?"
Ich wollte. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, was Jāņi war. Ich weiss es jetzt, nach einer Nacht, die ich nicht vergessen werde, und nach einigen Tagen Recherche, die mir erklärt haben, warum diese Nacht für die Menschen, die mich aufnahmen, so viel mehr war als eine hübsche Tradition.
Eine Nation, die ihre kürzeste Nacht zur wichtigsten macht
Jāņi – gesprochen etwa „Janji" – ist das lettische Mittsommerfest, gefeiert in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni, zur Sommersonnenwende. Beide Tage sind in Lettland gesetzliche Feiertage, was in einem Land mit rund 1,8 Millionen Einwohnern keine Kleinigkeit ist: Es ist, nach übereinstimmenden Quellen aus Lettland selbst, das mit Abstand populärste Fest des ganzen Jahres, beliebter noch als Weihnachten. Die ganze Hauptstadt Riga leert sich. Wer kann, fährt aufs Land, zurück auf die Gehöfte der Grosseltern oder zu Verwandten, die noch einen Garten, eine Wiese, einen Fluss haben. Die Stadt wird zur Staffage, das Land zur Bühne.
Der Name verweist auf Johannes den Täufer – „Jānis" ist die lettische Form von Johannes –, und tatsächlich hat die christliche Kirche das Fest irgendwann auf ihren Kalender gepfropft, weil sie es ohnehin nicht ausrotten konnte. Doch was an diesem Abend tatsächlich geschieht, hat mit Johannes dem Täufer ungefähr so viel zu tun wie ein Alpsegen mit dem Vatikan. Es ist, das bestätigen sämtliche ethnologischen Quellen unisono, ein vorchristliches, heidnisches Fruchtbarkeitsfest, das die Ankunft des Sommers feiert, das Wachstum der Felder, die Kraft der Sonne – und das die Verschmelzung von Mensch und Natur zu seinem eigentlichen Zweck macht. Man will sich, in dieser einen Nacht, das Wohlwollen der Naturgötter sichern: Jānis selbst, eine Art Fruchtbarkeits- und Sonnengottheit, sowie „Jāņu māte" und „Jāņu tēvs", Mutter und Vater des Festes, die traditionell die Gastgeberrolle auf dem Hof übernehmen.
Und dann ist da die Regel, die mir die Frau am Baum mit einem Lächeln erklärte, das keinen Widerspruch zuliess: In dieser Nacht schläft niemand. Wer in der Jāņi-Nacht schläft, so der Volksglaube, wird das ganze kommende Jahr über müde sein. Schlafen ist erst nach Sonnenaufgang erlaubt, der bei dieser Breite – Lettland liegt auf der Höhe von Glasgow oder Kopenhagen – schon gegen halb fünf Uhr morgens einsetzt. Wer durch den Morgentau geht, dem verspricht die Überlieferung Wohlstand. Wer sein Gesicht darin wäscht, dem verspricht sie Schönheit.
Weiss, Eichenlaub und Margeriten
Als ich am nächsten Tag auf dem Hof eintraf, war das Bild bereits geschlossen: Alle in Weiss, ein Farbcode, der keine Ausnahme zuliess. Die Männer trugen Kränze aus Eichenlaub um den Kopf, die Frauen bunte Blumenkränze, oft selbst geflochten aus dem, was am Wegrand und auf der Wiese wuchs – Margeriten vor allem, denen man traditionell Kraft zuschreibt. Diese Geschlechtertrennung ist kein Zufall und keine Mode von gestern: Männer tragen Eiche, das Symbol von Stärke und Standhaftigkeit, Frauen Blüten, Symbol der Fruchtbarkeit. Beide Kränze haben die Form eines Kreises – des Eis, sagen die Letten, der Form, die keinen Anfang und kein Ende kennt, und damit die Fruchtbarkeit der Natur im Kleinen abbildet. Bemerkenswert: Jede Frau, ob verheiratet oder nicht, darf an diesem Tag den offenen Blumenkranz tragen – sonst ein Vorrecht unverheirateter Frauen, während verheiratete traditionell Hauben oder Tücher trugen. An Jāņi sind, für eine Nacht, alle gleich.
Auch die Häuser selbst werden geschmückt: Birken-, Eichen- und Vogelbeerzweige an Türen und Toren, dazu Brennnesseln und Kletten, die böse Geister abhalten sollen. Es ist ein Fest, das nichts dem Zufall überlässt – jede Pflanze hat ihre Funktion, jede Geste ihren Sinn, auch wenn, wie die Letten selbst mit einem Augenzwinkern sagen, im 21. Jahrhundert nicht mehr jeder genau weiss, warum man es eigentlich tut. Man tut es trotzdem. Gerade darin liegt die eigentliche Kraft der Tradition.
Der Tunnel aus Birken
Was dann folgte, beschreibe ich so, wie ich es erlebt habe, auch wenn ich in keiner der mir zugänglichen Quellen eine exakte Parallele zu diesem spezifischen Brauch gefunden habe – ich vermute, es handelt sich um eine lokale, von dieser Familie oder Gemeinde gepflegte Ausformung eines uralten Grundmotivs, das sich quer durch die ganze Jāņi-Tradition zieht: der Reinigung durch Naturmaterial.
Man hatte zu beiden Seiten eines schmalen Pfades, etwa zwei Meter hohe Birkenäste in die Erde gesteckt, dicht genug, dass sich daraus ein grüner Tunnel formte. Die ganze Festgesellschaft zog, begleitet von Gitarren, einem Akkordeon und Gesang, der nie ganz abzureissen schien, in einer langen Schlange durch dieses Birkentor. Man hatte mir erklärt: Das Hindurchgehen reinigt, es bringt Glück, es ist eine Art symbolischer Übergang – aus dem Alten in das Neue, aus dem, was war, in das, was die nächsten zwölf Monate bringen sollen. Am Ausgang des Tunnels wartete links jemand mit einem Teller Kümmelkäse, rechts jemand mit einem grossen Krug Bier, aus dem jeder Durchschreitende trinken musste, bevor er weiterziehen durfte – Käse und Bier, im selben Atemzug verabreicht wie eine kleine, unausweichliche Kommunion, als Geste der Fruchtbarkeit und des Segens für das kommende Jahr.
Diese Improvisation passt nahtlos in das, was die lettische Folklore über das Fest erzählt. Die Birke ist im baltischen Brauchtum ohnehin eines der zentralen Reinigungssymbole des Frühsommers, und auch das Bier ist alles andere als blosses Festgetränk: Gemeinsam mit dem traditionellen Kümmelkäse – einem cremigen, mit Kümmel durchzogenen Frischkäse, der praktisch in jedem lettischen Haushalt eigens für diesen einen Abend hergestellt wird – gilt es als unverzichtbarer Bestandteil jeder Jāņi-Feier. Ohne Käse und Bier, sagen die Letten, ist es kein richtiges Jāņi. Manche Quellen verbinden das Bier sogar direkt mit der Fruchtbarkeitssymbolik des ganzen Festes: Es ist Frucht der Gerste, der Erde, der eingebrachten Ernte des vergangenen Jahres – getrunken, um die Ernte des kommenden zu sichern.
Feuer, das nicht erlöschen darf
Den Abend hindurch wechselten sich Feuer und Tanz immer wieder ab: ein Feuer, ein Tanz, wieder ein Feuer, irgendwann ein grosses, am Ende ein kleines, das offenbar bis in die Morgenstunden glühen sollte. Das Feuer – „jāņuguns" – ist das eigentliche Herzstück des Festes, kein Beiwerk. Traditionell wird es kurz vor Sonnenuntergang entzündet und soll, wenn es nach altem Brauch geht, die ganze Nacht über brennen. In manchen Regionen wird sogar ein Fass mit brennendem Teer auf eine lange, geschmückte Stange gehoben, weit sichtbar über die Felder – eine Art früher Leuchtturm der Gemeinschaft, der den Nachbarhöfen signalisiert: Hier wird gefeiert, hier ist man wach.
Dem Feuer wird in der lettischen Mythologie eine enge Verbindung zum Donnergott Pērkons zugeschrieben; es soll reinigen, Krankheit und Unglück fernhalten und Fruchtbarkeit für Mensch, Tier und Feld sichern. Das bekannteste aller Feuerrituale ist der Sprung über die Flammen, traditionell von Paaren gemeinsam vollzogen – ein Akt, der Reinheit, Einheit und, ja, auch ein Stück Mutprobe verbindet. Wer es schafft, ohne sich zu verbrennen oder die Glut zu verteilen, dem verheisst der Volksglaube ein gutes Jahr und eine feste Beziehung.
Begleitet wird das Ganze, fast ohne Unterbrechung, vom Gesang der sogenannten Dainas – kurzer, oft nur vier bis sechs Zeilen umfassender Volkslieder, deren Refrain fast immer aus demselben Wort besteht: „Līgo, līgo." Das Wort hat der lettischen Mittsommernacht sogar ihren zweiten, älteren Namen gegeben: Līgo-Fest. Es bedeutet so viel wie „schwingen" oder „wanken" und beschreibt damit fast wörtlich, was die Sonnenwende astronomisch tut – sie kippt, sie wendet sich. Diese Lieder sind keine Folklore-Staffage für Touristen. Der Astronom Krišjānis Barons, von den Letten respektvoll „Vater der Dainas" genannt, sammelte zwischen 1894 und 1915 mehr als 217.000 dieser Lieder in sechs Bänden – eine der grössten Volksliedsammlungen der Welt. Heute gelten schätzungsweise 1,2 Millionen Dainas als schriftlich erfasst.
Diese Lieder waren, das ist der Teil der Geschichte, der mich am meisten bewegt hat, weit mehr als hübsche Begleitmusik. Während der sowjetischen Besatzung Lettlands von 1945 bis 1991 war das Singen der eigenen, nicht-sowjetischen Lieder zeitweise schlicht verboten, ebenso wie das Tragen der Nationalflagge. Wer sich nicht daran hielt, riskierte den Verlust der Stelle, im schlimmsten Fall die Deportation nach Sibirien. Als sich Ende der achtziger Jahre der Widerstand gegen die Besatzung formierte, taten die Letten – gemeinsam mit Esten und Litauern – etwas zutiefst Eigenes: Sie sangen. Hunderttausende versammelten sich auf Plätzen und in Parks und sangen die alten, verbotenen Lieder, bis die Geschichte einen Namen dafür fand, der bis heute Bestand hat: die Singende Revolution. Am 23. August 1989 bildeten rund zwei Millionen Menschen eine 600 Kilometer lange Menschenkette von Vilnius über Riga bis Tallinn – den sogenannten Baltischen Weg. Zwei Jahre später war die sowjetische Herrschaft im Baltikum Geschichte. Die UNESCO erkannte die baltischen Lieder- und Tanzfeste 2003 als Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit an, seit 2008 stehen sie auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes. Das alle fünf Jahre stattfindende lettische Lieder- und Tanzfest brachte 2023, zum hundertfünfzigjährigen Jubiläum, mehr als 45.000 Sängerinnen, Tänzer und Musikerinnen auf die Strassen Rigas.
Wenn an diesem Abend auf dem Hof gesungen wurde, sang also niemand nur, um die Stimmung zu heben. Da schwang, ob den Sängerinnen bewusst oder nicht, eine Geschichte mit, in der das eigene Lied buchstäblich zur Waffe gegen die Auslöschung der eigenen Identität wurde.
Die Frau, die das Fest in der Hand hielt
Bevor das grosse Feuer entzündet wurde, sass die ganze Gesellschaft an einer Tafel, die kein Ende zu nehmen schien – Bretter und Bänke aneinandergereiht, bis die Tischreihe quer über den halben Hof reichte. Jeder hatte etwas mitgebracht, eine Schüssel, eine Platte, ein Glas Eingelegtes, und die Schüsseln wanderten von Hand zu Hand, bis am Ende jeder von allem ein bisschen hatte. Es war keine organisierte Logistik, es war einfach Vertrauen: dass am Ende genug für alle da ist, weil jeder etwas beigetragen hat.
Erst an diesem Tisch wurde mir klar, wer die Frau eigentlich war, die ich tags zuvor unter dem Baum angesprochen hatte. Sie war, wie sich herausstellte, so etwas wie die Leiterin dieses ganzen Festes – diejenige, die den Ablauf kannte, die Lieder anstimmte, die wusste, wann das nächste Feuer entzündet und wann die nächste Schüssel herumgereicht werden musste. Ihre Stimme war unglaublich laut und zugleich voller Wärme, eine Stimme, die das ganze Fest über den Hof trug, ohne dass sie je hart oder befehlend klang. Mehrmals packte sie mich einfach am Arm: „Komm, jetzt gibt es einen Tanz", oder: „Komm, jetzt machen wir das." Ich bin, das gebe ich offen zu, kein grosser Tänzer, und ich war an diesem Abend reserviert, fremd, ein Beobachter mehr als ein Teilnehmer. Es fiel mir schwer, aufzutauen. Aber irgendwann, ich könnte nicht mehr genau sagen, an welchem Feuer es war, liess sich nicht mehr widerstehen, und ich tanzte mit – ungelenk, vermutlich, aber niemand schien das zu stören. Es fühlte sich an, als wäre ich schon immer Teil dieser Gesellschaft gewesen.
Einen der ergreifendsten Momente erlebte ich, als irgendwann die lettische Fahne gehisst wurde, begleitet von Gesang, der über den ganzen Hof schwoll. Man muss sich bewusst machen, in welchem historischen Kontext das steht: Lettland ist, gemessen an der langen Geschichte Europas, eine sehr junge Nation – die heutige Republik entstand erst 1918, wurde dann über Jahrzehnte besetzt, annektiert, unterdrückt, und gewann ihre Unabhängigkeit erst 1991 zurück. Eine Flagge, die einmal verboten war, deren öffentliches Zeigen Gefängnis oder Deportation bedeuten konnte, wird gehisst und besungen – das ist kein touristisches Schauspiel, das ist gelebte, noch warme Geschichte.
Und dann gab es das, was ich für mich selbst nur als Sing-Battle beschreiben kann, ein Bild, das mich unweigerlich an den Film „8 Mile" erinnerte, nur eben ohne Hip-Hop und ohne Detroit. Die Frauen sassen am Boden, links, die Männer standen rechts. Erst sangen die Männer eine Strophe, dann antworteten die Frauen mit der nächsten, hin und her, eine Art Wechselgesang, der mal spöttisch, mal zärtlich, immer aber treffsicher wirkte, auch wenn ich kein Wort verstand. Es war zugleich komisch und auf eine Art ergreifend, wie zwei Hälften einer Gemeinschaft sich gegenseitig necken und gleichzeitig zusammenhalten. Irgendwann begann ich, leise mitzumurmeln, obwohl ich keine Ahnung hatte, was ich da sang. Es hätte sich respektlos angefühlt, einfach nur stumm danebenzustehen, während alle anderen ihre Stimme gaben.
Eine Schweizer Brücke übers Baltikum
Mir, dem Auslandschweizer auf dem Lastenrad, kam bei alldem unweigerlich ein Gedanke, der mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht: Wir haben so etwas auch. Anders, kleiner, weniger heidnisch verwurzelt – aber im Kern verwandt. Am 1. August, unserem Nationalfeiertag, brennen in der Schweiz noch heute auf hunderten Bergspitzen und Anhöhen die sogenannten Höhenfeuer. Ihr Ursprung liegt nicht in einer Fruchtbarkeitsmythologie, sondern in den mittelalterlichen Hochwacht-Feuern, mit denen man sich gegenseitig vor Gefahr warnte – von Luzern aus erreichte ein solches Signal das 34 Kilometer entfernte Wikon einst in anderthalb Stunden, weitergegeben von fünf Wachposten. Seit 1891 hat man diese alten Warnfeuer auf den Bundesfeiertag umgewidmet, ihnen eine neue Bedeutung gegeben: nicht mehr Alarm, sondern Zusammenhalt. Vereine schleppen bis heute Holz auf Gipfel, schichten kunstvolle Holzberge, manche errichten, wie am Pilatus, aus über hundert kleinen Feuern ein 120 Meter hohes brennendes Schweizerkreuz in den Berghang.
Es fehlt uns, das muss man ehrlich sagen, die Birke, der Eichenkranz, das Bier am Ende eines grünen Tunnels, die Nacht, die man nicht verschlafen darf. Unser Fest ist staatstragender, formeller, mit Reden und Hymne, weniger Magie, mehr Protokoll. Und doch: das Feuer auf der Anhöhe, sichtbar von Tal zu Tal, ist im Kern nicht so weit weg von dem, was ich an diesem Abend in Lettland gesehen habe – nur eingewickelt in eine andere Mythologie und an ein anderes Kalenderdatum gehängt.
Eine Nacht, die bleibt
Irgendwann nach Sonnenaufgang bin ich eingeschlafen, Mozzarella zusammengerollt neben mir im Gras, das Gesicht noch feucht vom Tau, durch den ich pflichtschuldig gewatet war. Ob mir dieser Sommer jetzt mehr Geld bringt, wie der Volksglaube verspricht, kann ich nicht sagen. Was ich sagen kann: Eine Frau, die unter einem Baum ein Buch zuklappte, ohne mich nach irgendetwas zu fragen, hat mich nicht nur zu sich nach Hause, sondern direkt ins Zentrum ihres Festes gestellt – und sich den ganzen Abend Mühe gegeben, mich aus meiner Reserviertheit herauszuholen, bis es ihr gelungen ist.
Ich weiss nicht, ob das etwas typisch Lettisches ist oder einfach diese eine Frau. Vermutlich beides. Aber für eine Nacht hat es gereicht, um aus einem müden, leicht angefressenen Radfahrer mit zwanzig Euro zu wenig in der Tasche jemanden zu machen, der mitgesungen, mitgetanzt und mitgegessen hat, ohne genau sagen zu können, wann der Übergang vom Zuschauer zum Teilnehmer eigentlich passiert ist.
Quellen und weiterführende Informationen:
Latvia.travel – offizielles Tourismusportal Lettlands: „Culture and traditions in Latvia" und „Summer solstice celebrations"
Latvijas Kultūras kanons: „Midsummer's Eve (Jāņi or Līgo svētki) in Latvia"
Wikipedia: „Mittsommerfest", „Liederfest (Baltikum)", „Liederfest (Lettland)", „Dainas", „Singende Revolution", „Höhenfeuer", „Bundesfeiertag"
Baltikumreisen.de: „Mittsommer in Estland und Lettland"
Youthreporter.eu: „Mittsommerfest in Lettland – Jāņi"
PASCH-Initiative: „Die kürzeste Nacht des Jahres"
Forssman-uebersetzer.de: „Sängerfeste Lettland"
Swissinfo.ch: „So feiert die Schweiz am 1. August Geburtstag"
Luzerner Zeitung: „1. August: Höhenfeuer – Einst bei Gefahr, heute fürs Gemüt"
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