Es ist ein seltsames Schauspiel, das sich gerade in Kommentarspalten, Foren und Echokammern des Internets abspielt. Männer mit grauen Schläfen, erhobenen Zeigefingern und gesenkter Toleranzschwelle erklären uns, warum Starfleet Academy kein echtes Star Trek sei. Zu woke. Zu weich. Zu jung. Zu emotional. Zu divers. Zu wenig Testosteron im Warp-Antrieb.
Und man möchte ihnen sanft die Hand auf die Schulter legen und sagen: Genau deshalb ist es gutes Star Trek.
Denn Star Trek war nie Nostalgie. Star Trek war immer Zumutung. Eine Einladung, die eigene Komfortzone zu verlassen und in eine Zukunft zu blicken, die grösser ist als das eigene Weltbild. Gene Roddenberry wollte keine Heldenoper für Weltraumcowboys. Er wollte eine Utopie. Eine Gesellschaft, die gelernt hat, aus ihren Fehlern zu wachsen. Eine Vision, in der Menschlichkeit wichtiger ist als Macht.
Dass ausgerechnet The Original Series heute von jenen als heiliger Gral verteidigt wird, die bei jeder nicht-weissen, nicht-männlichen, nicht-heteronormativen Figur Schnappatmung bekommen, ist eine Ironie von beinahe kosmischer Eleganz. Denn in den 60ern war diese Serie ein Skandal. Eine schwarze Frau auf der Brücke. Ein russischer Offizier mitten im Kalten Krieg. Ein japanischer Steuermann zwanzig Jahre nach Hiroshima. Ein interkultureller Kuss im amerikanischen Fernsehen. Das war nicht nett. Das war revolutionär. Das war unbequem. Das war woke, lange bevor irgendjemand dieses Wort kannte.
Heute aber wird genau diese Radikalität aus der Erinnerung herausgefiltert, glattgebügelt, entpolitisiert, bis nur noch ein wohliges Retro-Gefühl übrig bleibt. Und genau dieses Gefühl wird nun verteidigt. Nicht Star Trek. Sondern die eigene Jugend.
Starfleet Academy dagegen erzählt vom Werden statt vom Sein. Von Unsicherheit statt Allwissen. Von Fehlern statt Perfektion. Es geht nicht um fertige Offiziere mit goldglänzenden Rangabzeichen, sondern um junge Menschen, die lernen, Verantwortung zu tragen, ohne daran zu zerbrechen. Es geht um Identität, Zweifel, Loyalität, um innere Kämpfe statt äussere Explosionen. Kurz: um Menschlichkeit.
Und dann ist da Holly Hunter.
Als Kanzlerin der Akademie trägt sie diese Serie mit einer ruhigen, unaufgeregten Autorität, die ihresgleichen sucht. Keine martialische Führungsfigur, keine pathetische Heldin, sondern eine Frau, die Präsenz aus Klarheit schöpft. Sie erinnert an Janeway, ja – aber weniger militärisch, weniger dogmatisch, mehr menschlich. In einer Szene sagt sie sinngemäss: „Die Sternenflotte braucht keine perfekten Offiziere. Sie braucht Menschen, die bereit sind, zu lernen.“ Ein Satz, der mehr Star Trek in sich trägt als tausend Phaser-Schüsse.
Genau das scheint viele zu verstören. Lernen bedeutet Veränderung. Veränderung bedeutet Kontrollverlust. Wokeness ist für viele nichts anderes als die Angst davor, dass die alte Ordnung nicht mehr gilt. Dass die Welt nicht mehr nach ihren Regeln funktioniert. Dass andere Stimmen lauter werden. Dass neue Geschichten erzählt werden.
Wer sich darüber beschwert, dass Starfleet Academy zu divers, zu emotional, zu politisch sei, hat vor allem eines nicht verstanden: Star Trek war immer politisch. Immer gesellschaftlich. Immer ein Spiegel der Zeit. Nur dass dieser Spiegel heute auch jene zeigt, die früher nicht vorkamen.
Vielleicht liegt genau darin die grösste Kränkung. Denn die Serie zwingt uns zu begreifen: Star Trek war nie das Festhalten an der Vergangenheit. Star Trek war immer das Austesten der Zukunft. Es ist unbequem, herausfordernd und manchmal auch schmerzhaft. Und genau das macht es stark. Denn wer die Zukunft erzwingen will, ohne zu lernen, zu hinterfragen oder sich zu irren, der wird nicht weiterkommen – weder in der Sternenflotte noch auf der Erde.
Starfleet Academy zeigt uns, dass wahres Star Trek nicht aus nostalgischer Verklärung entsteht, sondern aus Mut. Aus der Bereitschaft, über sich hinauszuwachsen, Fehler zu machen, wieder aufzustehen und weiterzugehen. Es ist die Geschichte von Menschen, die die Verantwortung für ihre Welt übernehmen, statt in Erinnerungen zu erstarren.
Und genau das ist die größte Lektion, die wir aus der Serie ziehen können: Star Trek bedeutet Freiheit. Freiheit zu scheitern, Freiheit zu lernen, Freiheit, anders zu sein. Die Zukunft lässt sich nicht konservieren, nicht nostalgisch abgrasen. Sie ist unberechenbar, laut, aufregend und sie wartet auf die, die bereit sind, hinzuschauen.
Starfleet Academy ist kein nostalgisches Denkmal. Sie ist eine Einladung. An die nächste Generation. An uns. An alle, die Star Trek lieben und es nicht nur in Erinnerung, sondern in der Realität leben wollen.
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