Kahlschlag für den Fortschritt: Wie Polens Atom-Traum die Küste frisst

Ich stehe am Rand einer Schneise, die sich wie eine offene Wunde durch das Herz des Küstenwaldes zieht. Der Geruch von frischem Harz liegt in der Luft. Aber es ist nicht der belebende Duft eines gesunden Waldes, sondern der Geruch des Todes. Vor mir liegen Riesen, die hunderte Jahre lang dem Wind der Ostsee getrotzt haben. Mächtige Buchen und knorrige Kiefern, die bis vor kurzem noch voller Leben waren. Und dann höre ich dieses markerschütternde Kreischen der Häcksler.Hier in der Gemeinde Choczewo, am Standort Lubiatowo-Kopalino, wird gerade die Zukunft Polens gebaut. Zumindest ist das die Erzählung der Regierung in Warschau und der Giganten Westinghouse und Bechtel. Doch wer hier steht und die Spur der Zerstörung mit eigenen Augen sieht, erkennt sofort: Diese Zukunft wird auf den Trümmern einer unwiederbringlichen Natur errichtet. Das Schlimmste dabei ist, dass diese ehrwürdigen Bäume nicht einmal zu Häusern verbaut oder zu Möbeln gezimmert werden. Sie werden an Ort und Stelle zu Hackschnitzeln verarbeitet. Ein biologisches Erbe wird in Sekunden zerfetzt, nur um Platz für Beton und Stahl zu schaffen.

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Betonwüste statt Bernsteinstrand: Der Ausverkauf der polnischen Ostsee

Ich sitze hier, den EuroVelo 10 unter den Reifen, und mein Blick wandert zwischen dem Lenker und der Realität hin und her. Laut meinen alten Karten und den Luftbildern, die ich für die Planung von „Randwärts“ genutzt habe, sollte ich hier durch tiefe, unberührte Küstenwälder radeln. Ich hatte mich auf Nächte unter dem Sternenzelt gefreut, auf das Rauschen der Brandung als einzige Geräuschkulisse, auf die Freiheit, die nur die Wildnis bieten kann. Doch die Realität zwischen Swinemünde und Mielno sieht anders aus. Sie sieht deprimierend aus. Was ich hier erlebe, ist kein Fortschritt, es ist eine ökologische und ästhetische Bankrotterklärung, ein Ausverkauf der Seele einer Landschaft, die einst so viel versprach.

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Das Land der verschlossenen Türen: Warum Mecklenburg-Vorpommern an sich selbst erstickt

Ich sitze hier, den Staub der Landstraße noch in den Kleidern, und versuche zu begreifen, was in den letzten Tagen passiert ist. Mein Projekt „Randwärts“ hat mich schon an viele Orte geführt, in Länder, in denen man mir sagte, ich solle vorsichtig sein, und in Gegenden, die auf keiner touristischen Hochglanzbroschüre auftauchen. Doch nichts hat mich so unvorbereitet getroffen wie die Fahrt über die Elbe. Willkommen in Mecklenburg-Vorpommern – dem Bundesland, das den Tourismus wie eine Monstranz vor sich herträgt, während es seine Gäste mit einer Mischung aus passiver Aggressivität und offenem Ressentiment empfängt.

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Warum das Netz giftig wird: Die Anatomie der Trolle

Wer heute digitale Räume betritt, egal ob Kommentarspalten, soziale Netzwerke, Foren oder Messenger-Gruppen, begegnet früher oder später einem Phänomen, das inzwischen fast schon als normal gilt: dem Troll. Kaum eine Online-Community bleibt dauerhaft davon verschont. Selbst in harmlosen Gruppen, die sich mit Kochen, Gartenarbeit, Reisen oder Science-Fiction beschäftigen, tauchen sie irgendwann auf. Menschen, die gezielt provozieren, spalten, eskalieren. Doch was genau ist ein Troll? Warum gibt es sie? Und weshalb ist Ignorieren oft die wirksamste Antwort?

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Warum Starfleet Academy mehr Star Trek ist als viele wahrhaben wollen

Es ist ein seltsames Schauspiel, das sich gerade in Kommentarspalten, Foren und Echokammern des Internets abspielt. Männer mit grauen Schläfen, erhobenen Zeigefingern und gesenkter Toleranzschwelle erklären uns, warum Starfleet Academy kein echtes Star Trek sei. Zu woke. Zu weich. Zu jung. Zu emotional. Zu divers. Zu wenig Testosteron im Warp-Antrieb.

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Der Mythos von der guten alten Zeit und der Realitätsschwund der Gegenwart

Ich sitze da, scrollend, müde vom Tag und noch müder vom Zustand der Welt, und dann spuckt mir der Algorithmus wieder so ein Video ins Gesicht. Sepiafarbene Gesichter, weichgezeichnete Stimmen, Pathos in Endlosschlaufe. Früher war alles besser. Früher wussten die Männer noch, dass sie Männer sind. Früher waren Frauen Frauen. Früher hatten Kinder noch Respekt. Früher gab es Ordnung. Früher gab es Werte. Früher, früher, früher. Als wäre früher ein Ort, an den man zurückkehren könnte wie an einen sauberen See, der nie industrialisiert wurde. Als wäre früher nicht auch voller Dreck gewesen, nur ohne Smartphone-Filter.

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Erwins letzte Barrikade: Die Anarchie der Streuobstwiese

Die Wiese öffnet sich vor uns wie ein Stück vergessene Welt. Hohe Gräser, knorrige Stämme, Schatten, die im Wind zittern. Hier treffe ich Erwin Buchstetter. Er ist 68 Jahre alt, seine Hände sind rau, seine Stimme zurückhaltend, fast vorsichtig. Über siebzig Apfelsorten wachsen in seinem Garten, jeder Baum eine Erinnerung, ein Widerstand, ein Stück gelebte Anarchie.

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Café Bij Monique – Ein Ort, der nicht vergessen werden will

Das Schild war absichtlich in Französisch gemalt. „Café Bij Monique“ – kein Lokalkolorit, keine Dialekt-Anbiederung. Weiß gestrichene Buchstaben auf einem alten, tiefblauen Hintergrund. Kratzig, schief, aber mit Absicht. Die meisten im Dorf fanden es befremdlich. Einige nannten es unhöflich. Aber für Monique war es notwendig. Eine kleine, leise Provokation in einem flämisch geprägten Landstrich, in dem man ihr bis heute das Französischsein nicht ganz verziehen hat.

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Welche Lehren ziehen wir aus der Corona-Pandemie? – Eine (un)endliche Aufarbeitung

Die Corona-Pandemie hat uns allen eine Lektion in Solidarität erteilt: Plötzlich ging es nicht mehr nur um individuelle Freiheiten, sondern um das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft. Während sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland – trotz Unannehmlichkeiten, Ängsten und wirtschaftlichen Einbußen – an Lockdowns, Maskenpflicht und Impfkampagnen hielt, trat eine lautstarke Minderheit auf den Plan, die laut „Diktatur!“ rief, sich bewusst nicht an Regeln hielt und bis heute an Falschinformationen festhält. Wer erinnert sich nicht an die Bilder von Massenprotesten, bei denen Seifenblasen in die Menge geblasen wurden, als handele es sich um eine fröhliche Gartenparty, während das Virus in den Krankenhäusern Opfer forderte?

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